Die Restaurierung der Gustav-Adolf-Kirche, der Evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Niederursel - was wurde gemacht?

Seit ihrer Errichtung im Jahre 1928 wurde die Kirche zweimal im Innern verändert: 1959 und 1984. Die wesentlichen Veränderungen bestanden im Einbau von Buntglasfenstern und neuer Farbgebung an Wänden und Decken sowie im Umbau des Altarraums. Zugleich wurde ein neues Beleuchtungskonzept mit Pendelleuchten umgesetzt. Und schließlich wurden im Jahre 2003 die noch original erhaltenen, von Martin Elsässer entworfenen Kirchenstühle entfernt. All diese Schritte bewirkten, dass dem Kirchenraum der von Elsässer intendierte Zusammenhang zwischen Sinn, Räumlichkeit und Oberfläche verloren ging und in seiner Gestalt und Wirkung weitestgehend verunstaltet worden war.

Mit der Erarbeitung eines erneuten Sanierungskonzepts ab 2009 war der Wunsch verknüpft, den Kirchenraum in seinem ursprünglichen, architektonisch wie liturgisch bedeutsamen Erscheinungsbild wieder herzustellen. Ein ambitioniertes Ziel, weil erstens die erfolgten Verän- derungen sehr tiefgreifend waren und zweitens fast keine Dokumente über den Urzustand existieren. Außer ein paar unscharfen Schwarz- Weiß-Fotos gibt es nur vereinzelte, ungenaue schriftliche Berichte.  Als erstes wurde daher der Restaurator Thorsten Moser beauftragt, die ursprüngliche Farbgebung und Oberflächengestaltung zu ermitteln. An vielen Stellen im Kirchenraum, an so genannten Befundstellen, legte er mit dem Skalpell die ehemaligen Farbschichten frei.

Das Ergebnis überraschte alle Beteiligten:

  • weiße Wände
  • ein roter Himmel
  • blaue und violette Nischen
  • wie Naturstein behandelter Sichtbeton
  • eine farbige Altar-Kanzelskupltur
  • Einfachfensterscheiben in rot gestrichenen Holzrahmen in den Oberlichten
  • Beleuchtungsfelder hinter Blindfenstern, ebenfalls in roten Rahmen
  • Eine indirekte Beleuchtung mittels Soffitten, unsichtbar installiert auf dem umlaufenden Deckenfries
  • Eine künstlerische Gesamtgestaltung des Altarraums in glattem Sichtbeton, mit Altarschranken sowie Wandgemälden und –inschriften auf dem Sichtbeton
  • Eine stark farbige Taufkapelle

Wie war der Urzustand,
und was wurde im Einzelnen durchgeführt?

Die Farbgebung

Im Innern war die Kirche farbig. Das war die erste überraschende Entdeckung. Martin Elsässer hatte sich nicht nur, was die Raumkonzeption anging, am frühchristlichen Kirchenbau orientiert, sondern auch an dieser Farbwelt. Runde oder achteckige Zentralbauten existierten in der Frühzeit neben der lang gezogenen Basilika. Und insbesondere im östlichen Rom, in Byzanz, waren die Kirchenkuppeln in Rot gehalten. Sie markierten den göttlichen Himmel – im Gegensatz zum Blau des irdischen Himmels.

So ist auch in Niederursel die „Kuppel“ rot gestrichen. Die rau verputzten Wände sind weiß, mit einem Hauch rosa versehen. Und in den verschiedenen Nischen – im Eingang, unter dem Turm, auf der Empore und in der Taufkapelle – findet man blaue, rote und violette Töne. Die Fensterrahmen und Schallgitter der Orgel sind feuerrot. Die Bänke und Stühle schwarz, der Fußboden ist umbra. Diese Farben kontrastieren mit diversen Betonflächen, die mit ihrer Textur und Farbigkeit eher an Naturstein erinnern.

Wand- und Deckenflächen

Wände und Decken besitzen eine verputzte Oberfläche. Der Verputz ist der originale Kalkputz von 1928 und weist eine sehr raue, leicht zerfurchte Oberfläche auf. Ursprünglich war er mit einer Mineralfarbe gestrichen und später (1959 und 1984) mit einer Dispersionsfarbe übertüncht worden, was die Atmungsfähigkeit der Wände einschränkt. Nach einem vorsichtigen Abwaschen wurde jetzt wieder eine Emulsionsfarbe – ähnlich der Mineralfarbe - aufgetragen.

Innere Sichtbetonflächen

Der Kirchenraum weist drei unterschiedliche Naturbetonarten auf, die von Martin Elsässer jeweils spezifisch und sehr sorgfältig gestaltet wurden. Beton ist eben nicht gleich Beton. Er erhält sein Aussehen i. W. durch die Sand- und Gesteinsarten, die „Zuschlagstoffe“, die ihm beigemischt werden. Und durch die Nachbehandlung der Oberflächen, nachdem er aus geschalt worden ist.

Die Brüstung der Empore, der Gesimskranz der Kuppel und die Rahmen der Fenster und Blindfenster im Obergaden besaßen das Aussehen von Kalksandstein. Bei den früheren Renovierungen war er mit einer bräunlichen Dispersionsfarbe überstrichen worden und hatte dadurch seine natürliche „Lebendigkeit“ und seine steinerne Präsenz total verloren.

Bei der jetzigen Restaurierung sollte dies rückgängig gemacht werden. Das nun erzielte Ergebnis ist frappierend, wunderbar.

Die Oberflächen der inneren Tür- und Fenstergewände sowie der Treppenraumwände zur Empore waren aus Waschputz, bei dem die Zementoberfläche kurz nach dem Anbinden abgewaschen worden war, so dass die vielen kleinen, bunten Kieselsteinchen blank lagen und das Aussehen prägten. In diesen Putz waren zur Verfeinerung sogar kleine Muschelschalen einge- mischt, die durch ihren Perlmuttglanz feine Lichter in der Fläche setzen konnten. Trotz all dieser offensichtlichen Feinheiten wurden 1959 oder 1984 auch diese Flächen teilweise übertüncht und mussten durch Abstrahlen wieder freigelegt werden.

Altarraum

Die dritte Betonart prägte den Altarraum. Er war als eine formale, künstlerische Einheit gestaltet, die aus der Rückwand, der Kanzel, dem Altarblock, dem Fußboden, den Stufen und den beiden „Schranken“ rechts und links bestand. Eine liturgische Einheit, die auch auf den neu gewählten Namen der Kirche, Gustav Adolf, hinwies. Diese Einheit wurde durch einen grauen, glatt geschliffenen Sichtbeton unterstrichen, der aber im Zuge der früheren Renovierungen ebenfalls mit einer braunen Dispersionsfarbe übermalt worden war. Und die Schranken waren abgebrochen worden.

Wie sich beim Entfernen von Einbauten und Übermalungen herausstellte, waren ursprünglich auch einzelne Teile der Oberflächen farbig gestrichen, nein eher lasiert gewesen. Und auf den beiden Seitenwänden waren farbige Gemälde aufgetragen, links vom Altar ein Kruzifix, rechts eine Friedenstaube sowie beidseits Schriftzüge „Sei getreu bis an den Tod, so will ich Dir die Krone des Lebens geben“ und „Siehe ich bin bei Euch bis an der Welt Ende“. Die pastös gemalten Figuren und eingelassenen Buchstaben wurden Stück für Stück mit dem Skalpell freigelegt. Bis heute ist übrigens unbekannt, wer der Künstler oder die Künstlerin dieser Malerei gewesen ist.

Fenster

Die ursprünglichen Fenster im Obergaden bestanden aus 56 identischen Klarglasfenstern in roten Holzrahmen. Klares Glas war zur damaligen Zeit völlig ungewöhnlich, und das wohl auch noch in den 1950er Jahren, was dazu führte, dass die Fenster 1959 durch buntes Glas in Metallrahmen ersetzt wurden – nach einem künstlerischen Entwurf von Marianne Scherer-Neufahrt. Dieses Glas mit seinen überwiegend rot-orangenen Tönen tauchte den Kirchenraum in ein entsprechendes Licht und machte die ursprüngliche Farbkomposition obsolet. Für eine Restaurierung war ein Rückbau der Fenster unumgänglich.

Nach langen Diskussionen wurde dieser Rückbau (fast) einstimmig beschlossen und schließlich umgesetzt. Die Buntglasfenster wurden nicht vernichtet, sondern sie wurden, als Kompromiss, sorgfältig ausgebaut und eingelagert. Die neuen Holzrahmen wurden nach den noch vorhandenen Rahmen der Blindfenster und innen und außen mit Leinfarbe signalrot gestrichen. Der neue Eindruck ist überwältigend.

Fußböden (Hauptraum, Vorräume, Empore)

Wegen fehlender Dokumente wurde bisher allein aufgrund der überlieferten, unscharfen Fotos von 1930 angenommen, dass der Fußbodenbelag aus einem dunklen, umbrafarbenen Linoleum be- stand, so wie er tatsächlich auf der Empore noch heute vorhanden ist. Nachdem die Holzstufen am Altar im Februar abgebrochen waren, stellte sich an den verbliebenen Spuren überraschender- weise heraus, dass die vorhandenen Korkplatten den Originalbelag von 1928 darstellen. Dieser war ursprünglich (Laboruntersuchungen haben es nachgewiesen) dunkelfarbig verkrustet und ge- wachst. Diese Oberschicht von knapp 1 mm Stärke wurde 1959 abgeschliffen, was die aktuelle Korkstruktur und –farbe hervortreten ließ und als untypisch für Martin Elsässer galt.

Die Beläge aus Muschelkalk (Solnhofer Platten) in den Vorräumen und in der Taufkapelle werden gereinigt oder analog zum originalen Format und Material erneuert. Der Linolbelag auf der Empore kann original erhalten bleiben.

Beleuchtung

Das Prinzip der ursprünglichen Beleuchtung bestand im Wesentlichen aus einem indirekten Licht aus der Kuppel heraus, welches zusätzlich durch ein taghelles Licht aus den Blindfenstern über der Empore ergänzt werden konnte. Dieses Prinzip wurde jetzt wieder aufgenommen. In dem umlaufenden Betonfries wurde ein Lichtband installiert, das die Kuppel beleuchtet. Zur Verstärkung können einzelne, für das Auge unsichtbare Strahler zugeschaltet werden. Auch wurden die dimmbaren Leuchtflächen der Blindfenster reaktiviert. Für die vier Raumecken unter der Empore wurden die Wandleuchten von Martin Elsässer möglichst authentisch in Messing und Mattglas nachgebaut.

Heizung

Die Heizung wurde grundsätzlich erneuert. Diese in die Zukunft weisenden Maßnahmen waren technisch und finanziell besonders aufwendig.

Taufkapelle

Auch die Taufkapelle wurde in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Hierfür diente als einzige Quelle der restauratorische Befund. Und der offenbarte eine wirklich sehr große Überraschung: ein kleiner, intimer, vielfarbiger Raum, ausgestattet allein mit dem Taufbecken. Die noch original erhaltene Deckenleuchte konnte, etwas aufgebessert, weiter verwendet werden. Und die letzten Spolien der ehemaligen St. Georgskirche, die beiden geschnitzten Deckenbohlen sowie eine Grabplatte, wurden sorgfältig restauriert.

Unterkirche

Der ehemalige Gemeindesaal sowie die Nebenräume der Unterkirche waren nicht Teil der Renovierungsarbeiten. Sie sollen als nächster Bauabschnitt folgen. Die drei zum Vorplatz führenden Fenster wurden in Absprache mit dem Denkmalschutz durch drei neue Fenstertüren ersetzt. Sie sollen den direkten Außenbezug des Saals ermöglichen.

Barrierefreier Zugang

Zum aktuellen ersten Bauabschnitt zählt auch die Herstellung eines barrierefreien Zugangs zur Kirche. Er befindet sich, leicht auffindbar, am Nebeneingang auf der Südseite und führt direkt in den Vorraum des Haupteingangs.