Wie entstand der Prozess der Restaurierung unserer Gustav-Adolf-Kirche, aus der Sicht von Pfarrer Michael Stichling

Ein Pfarrer ist kein Architekt und auch kein Sachverständiger. Meine Gedanken drehen sich um die Motivationen, die zur Restaurierung geführt haben und um die Weise, wie der Pfarrer der Gemeinde die einzelnen beteiligten Personen und Institutionen miteinander in Kontakt gebracht und vernetzt hat. Die wirkliche Arbeit versahen die Sachkundigen und die Sachverständigen.

Im September 2007 habe ich mit Herrn Rusch von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, wie schon öfters geschehen, einen Spaziergang durch die Gemarkung Niederursel gemacht. Er zeigte mir immer wieder Besonderheiten und bestimmte Orte in NIederursel. Diesmal sind wir in die Gustav-Adolf-Kirche in Niederursel, also in die Kirche gegangen, in der ich als Pfarrer tätig bin.

Schon lange empfand ich die Kirche, von der ich wusste, dass sie von Martin Elsässer gebaut war, als dunkel und  düster. Ganz und gar nicht in dem Stil, den ich von Martin Elsässer kannte. Denn in meiner letzten Pfarrstelle, in Wiesbaden, wohnte ich in einem von Martin Elsässer erbauten Haus am Elsässer Platz, in dem auch der Gemeindesaal der dortigen Stephanuskirchengemeinde untergebracht war, und der auch als Kirche genutzt wurde. Alles war ganz und gar lichtdurchflutet und klar in den Elementen. 

Vor unserem Spaziergang, den ich mit Herrn Rusch unternahm, war mir aufgefallen, dass man bei günstigem Licht Strukturen unter der Farbe im Altarbereich  entdecken konnte, die an ein Kruzifix denken ließen. Wir besichtigten die Kirche und Herr Rusch konnte mir zustimmen. „Da ist wirklich etwas darunter“, so seine Worte. Herr Rusch hat sich sofort danach mit Herrn Dr.Timpe, dem zuständigen Denkmalbeauftragten der Stadt Frankfurt, in Verbindung gesetzt, der  unsere Beobachtung kurze Zeit später bestätigte und großes Interesse an diesen Befunden zeigte. Dieses haben wir dem Eigentümer der Kirche, dem Evangelischen Regionalverband Frankfurt am Main mitgeteilt. Die Leiterin der Bauabteilung Frau Friederike Rahn-Steinacker, nahm sich dieser Sache persönlich an und bestellte nach Besichtigung und Gespräch den Restaurator Herrn Moser, damit dieser ein restauratorisches Gutachten über unsere Kirche anfertigen möge. Der Befund des Restaurators hat alles was wir dachten und vermuteten völlig verändert. Die Farben der bauzeitlichen Ausmalung der Kirche waren unter dem vorliegenden Anstrich noch zu rekapitulieren. Es entstand das Bild einer farbig ausgestalteten hellen und lebendigen Kirche mit wundervollen Details, im Stil des Bauhaus, der sogenannten „Neuen Sachlichkeit“.

Ich war sehr berührt von dem Mut des damaligen Kirchenvorstandes der Jahre 1926 -1928, in das wundervolle Fachwerk von Alt-Niederursel eine innen so farbig anmutende, moderne Kirche zu bauen. Der Kirchenvorstand entschied sich für den Entwurf von Martin Elsässer. Damals war Niederursel noch ein kleines Dorf ohne die Existenz der modernen Nordweststadt von Walter Schwagenscheidt und Tassilo Sittmann, umgeben von Feldern und Landstraßen. Der Entwurf von Martin Elsässer war mutig, aber passte sich wundervoll in das aufstrebende Dorf ,Frankfurt am Main Niederursel, ein.

Für Alt-Niederursel ist die, im damals sehr modernen Bauhausstil, errichtete Kirche, ein wahrer Neubau und mit den großen Räumlichkeiten auch ein wahrer Neubeginn. Auf dem Kirchengelände entstand nach Abriß der 1000 Jahre alten St-Georgskapelle ein Neubau, den Architekt Martin Elsässer ausgeführt hat.

„Siehe, ich baue Neues“... Die Gemeinde bekam, mitten zwischen den Fachwerkhäusern Niederursels, einen für damalige Verhältnisse sehr modernen Kirchenbau im Stil des „Bauhaus“. „In der Zeit leben, mit der Zeit gehen...“. „Kirche muß zu den Menschen und mit den Menschen in Bewegung bleiben....“. Alle diese Argumente werden die damaligen Verantwortlichen wohl dazu gebracht haben sich für diesen modernen Kirchenbau zu entscheiden. Ein wahres „Kleinod des Bauhaus“ hat einer der Denkmalschützer der Stadt Frankfurt, Dr. Timpe, einmal gesagt. Einmalig in ihrer oktagonalen Form den Charakter des Zeltes, das die „mitgehende“ Begleitung Gottes symbolisiert, nachempfindend. Dazu die kräftigen Farben, die für Zeit des „Bauhaus“ charakteristisch sind. Unsere Bemühungen gehen dahin, den architektonischen Charakter des „Bauhaus“ unserer Kirche wieder herauszuarbeiten und lebendig werden zu lassen und damit die Besonderheit dieses Kirchengebäudes für Niederursel und die Stadt Frankfurt deutlich werden zu lassen.

Das Architekturbüro Dreysse aus Frankfurt am Main wurde gegen Ende 2010 beauftragt, für die Gustav-Adolf-Kirche Pläne zur Restaurierung auszufertigen.

Gemeinsam mit Christian Rusch, dem ehrenamtlichen Kurator der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, mit Jürgen Schmidt aus dem Ortsbeirat 8 und Theo Dechert vom Niederurseler Bürgerverein, wurde der "Förderverein Gustav-Adolf-Kirche", ins Leben gerufen. Originale Ausgestaltung, Farbgebung und Restaurierung der alten Walker-Orgel einerseits, moderne Beleuchtungssysteme und eine moderne Audiosysteme andererseits - das sind die Pläne des Fördervereins, der eng mit dem Evangelischen Regionalverband, der Kirchengemeinde, den Architekten und den Denkmalbehörden zusammenarbeitet.

Der Förderverein hatte,im Auftrag der Kirchengemeinde,  umgehend seine Arbeit aufgenommen, um Spenden einzuwerben und Veranstaltungen zu Gunsten der Renovierung und Restaurierung von Kirche und Orgel zu planen und durchzuführen.

Der Förderverein arbeitet weiterhin eng mit der Gemeinde und dem Kirchenvorstand, der Martin Elsässer Stiftung und den Architekten zusammen.

3. Es entstand in der Kirche eine Musterachse, um darzustellen, wie die Ausmalung und die Struktur des Innenraums der Kirche nach der Restaurierung aussehen würde. Diese Musterachse war für alle Beteiligten sehr hilfreich, um einen Eindruck von den geplanten Veränderungen zu gewinnen. Diese Musterachse fand in weiten Kreisen der Gemeinde, als auch in der Welt der Kunsthistoriker und Architekten auf großes Interesse und Begeisterung.

4. Aus gemeindlicher Sicht gab es natürlich auch Stimmen, die eine Restaurierung kritisch gesehen haben. Vor allen Dingen der im Restaurierungskonzept vorgesehene Ausbau der farbigen Fenster und der Ersatz durch helle, klare Fenster war für viele Menschen in der Gemeinde nicht einfach nachzuvollziehen. Hatte denn die Entwicklung die diese Kirche im Zuge der Zeiten durchlaufen hatte, keinen Wert, fragten viele im Kirchenvorstand an. Durch regelmäßige Informationen über die Gedanken Elsässers sowie zum aktuellen Planungsphase wurde die Gemeinde immer wieder mitgenommen und in den Prozess der geplanten Veränderungen einbezogen.

Durch die beteiligten Architekturbüros Dreysse aus Frankfurt am Main und dem Architekturbüro Hamm/Kowalewsky aus Worms, sowie durch die Bauabteilung des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt am Main wurden wir und werden wir in wichtigen Sachfragen unterstützt. 

5. Es gab ein Symposion um den Werdegang des vorliegenden Kirchenbaus zu dokumentieren und zeit- und architekturgeschichtlich einzuordnen. Ergebnis war, dass diese Kirche, so wie sie von Martin Elsässer gedacht und ausgeführt war, ein „Kleinod der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts“,darstellt. Nach diesem Symposion nahmen die Aktivitäten zur Restaurierung der Kirche abermals Fahrt auf. Auch die unterschiedlichen Stimmen in der Gemeinde, die dazu eingeladen und beteiligt war, konnten in großen Zügen die Pläne zur Restaurierung mittragen.

6. Die Kirchengemeinde wollte die Besonderheiten der von Martin Elsässer erdachten Kirche in vollem Umfang wiederherstellen und mit den Erfordernissen einer modernen und an den aktuellen und zukünftigen Versammlungsstrukturen orientierten Weise, ausstatten.

7. Ohne die Beiträge zur Finanzierung der Maßnahmen durch den Evangelischen Regionalverband Frankfurt am Main, durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, der Stiftung Kirchbau und vieler anderer Sponsoren wären wir heute noch nicht so weit. Und dennoch überstiegen die von der Gemeinde eingeforderten Eigenmittel die finanziellen Möglichkeiten unserer Gemeinde. Wir waren immer wieder auf Spenden und finanzielle Beteiligungen angewiesen.

Die Gemeinde wird in der Zukunft in Zusammenarbeit mit dem Förderverein nach kreativen Möglichkeiten zur Finanzierung des gemeindlichen Anteiles zu suchen haben. Wir werden zur Neubestuhlung unserer Kirche nach „Paten/Innen“ suchen, die uns auf diese Weise helfen die Finanzierung unseres Anteiles zu gewährleisten.

So gab es lange Zeit  einen Weißwein, die sogenannte „Martin Elsässer Cuvee“, den man im Gemeindebüro unserer Gemeinde erwerben konnte. Der Erlös kam auch der Restaurierung von Kirche und Orgel zugute. Natürlich konnte und kann man sich auch als aktives, wie auch als passives Mitglied in unserem Förderverein Gustav-Adolfkirche Niederursel e.V engagieren. Der Kontakt geschieht über das Gemeindebüro unserer Gemeinde.

Spenden für die Restaurierung bitte an den Förderverein Gustav-Adolfkirche Niederursel e.V Bankverbindung: IBAN: DE 41 5005 0201 02004551 41; BIC: HELADEF1822

8. Die Evangelische Kirchengemeinde dankt allen Menschen und Institutionen, die an der Verwirklichung dieses wirklich großen Projektes zur Renovierung unserer Kirche beteiligt sind und sich in welcher Form auch immer, beteiligen.