Fünf Jahrzehnte

Den Zweiten Weltkrieg überstand die Gustav-Adolf-Kirche
ohne Schaden, nur hatte man im Jahre 1942 die drei größten Glocken vom Turm genommen und für militärische Zwecke eingeschmolzen. Bereits 1950 hatte die Gemeinde soviel Mittel gesammelt, dass wieder eine zweite und dritte Glocke angeschafft werden konnten. Die vierte und schwerste Glocke wurde ebenfalls von der Gemeinde gespendet, 1956 gegossen und am 2. August desselben Jahres unter Beteiligung eines großen Teils der männlichen Bevölkerung von Niederursel auf den Turm gezogen.

1957 schmückte Frau Scherer-Neufarth den Kirchenraum mit farbigen Glasfenstern aus. In der Mitte einer abstrahierten Darstellung ragt sichtbar heraus ein großes Kreuz. Diese Fenster entsprechen nicht voll dem architektonischen Gedankengang des homogenen Raumes von Elsässer, sie entsprechen jedoch dem Zeitgeist freundlicher und dem Besucher entgegenkommender Gestaltung. Außer den farbigen Fenstern wurden bei verschiedenen Renovierungen nur geringste Änderungen vorgenommen: Die Betonbalustrade um Altar und Kanzel sowie Taube und Kruzifix wurden entfernt bzw. übermalt und die beiden Sprüche anders gefasst, die frühere Farbigkeit der Betonteile wurde durch hellere Farbtöne ersetzt.

Der Gemeindesaal unter der Kirche diente den zahlreichen Aktivitäten der Gemeinde.  So war die Jugendarbeit, der Kirchenchor, der  Frauenverein und der Laienspielkreis  hier zu Hause. Nach dem Krieg bildete sich in Niederursel  auch wieder eine katholische Gemeinde, und diese konnte Ostern 1948 ihren ersten Gottesdienst in der zur Verfügung gestellten Unterkirche abhalten. Zunächst wurde nur eine Messe im Monat gelesen, mit der wachsenden Gemeinde wuchs auch die Zahl der Gottesdienste, bis schließlich unmittelbar vor Einweihung der katholischen St. Matthias-Kirche, im Februar 1965,vier Messen an jedem Sonntag gelesen werden mussten.

Die Unterkirche reichte zu jener Zeit auch für das Gemeindeleben der Gustav-Adolf-Kirche nicht mehr aus. Insbesondere war der Raum zu klein geworden, aber auch die Zahl der Veranstaltungen ließ sich nicht mehr unterbringen. Aus diesem Grund wurde 1966 ein Gemeindesaal mit mehreren Nebenräumen neben dem aus dem Jahre 1844 stammenden Pfarrhaus fertiggestellt. Um die Unterkirche wurde es in der ersten Zeit nach dem Neubau des Gemeindesaales etwas ruhiger. Die Gemeindeveranstaltungen sind jedoch so zahlreich geworden, dass gerade in den letzten Jahren auch die Veranstaltungen in der Unterkirche wieder zunahmen.

Aus Anlass des bevorstehenden Kirchenjubiläums wurden Ende 1977 die drei Grabsteine des alten Friedhofs – jetzt rechts neben dem Eingang – ebenso wie die in die Kirchenmauer eingearbeiteten Teile der alten St.-Georgs-Kapelle von der Firma Julius Hembus restauriert und konserviert. Die Schrifttafel des mittleren Grabsteins wurde dabei ausgewechselt und nachgegossen: Das Original befindet sich jetzt, geschützt vor Witterungseinflüssen, in der Taufkapelle, und der Abguss aus Steinersatzmaterial schmückt den Grabstein. Anfang des Jahres 1978 ließ der Evangelische Regionalverband Frankfurt am Main das Warmluftheizsystem ändern, so dass die Luftaustrittsöffnungen jetzt gleichmäßiger in der Kirche verteilt sind. Ebenso wurde die Kirche innen nach einem Entwurf des Referates für Denkmalpflege der Stadt Frankfurt am Main von Malermeister Dorgarten farblich neu gefasst. Die farbige Gestaltung knüpft mit der warmroten Decke an den Entwurf Professor Elsässers an, die weiteren Farben orientieren sich an der Kirchenform und den farbigen Fenstern.

Durch den Bau der Nordweststadt und die Neuaufgliederung der Gemeindebezirke änderten sich die Gemeindegrenzen der Gustav-Adolf-Gemeinde. Im Bereich der Wiesenau und am Weißkirchener Weg wurden Gemeindeteile neuen Gemeinden zugeordnet, andererseits gehört nun ein Teil der neu hinzugezogenen Nordweststadtbevölkerung zur Gustav-Adolf-Gemeinde. Die Kirche, die dem kleinmaßstäblichen Dorf und modernem Bauen Rechnung trägt, ist das Bindeglied zwischen neu und alt. Die Zahl der Gemeindemitglieder hat sich trotz der Strukturänderung nur wenig geändert. 1977 waren es 2115 Seelen. Dazu die Zahlen von 1977 im Vergleich zum Gründungsjahr der neuen Kirche: 7 Taufen, 4 Trauungen, 40 Konfirmanden, 670 Abendmahlsgäste und 32 Bestattungen.

aus: Manfred Gerner: 50 Jahre Gustav-Adolf-Kirche Niederursel, 1978