Auf dem Weg zu einem Leitbild unserer Gemeinde

Was macht eine Kirchengemeinde aus? Ist das der Zusammenschluss der Menschen, die zufällig evangelisch sind und zufällig im selben Stadtteil wohnen? Oder hat jede Gemeinde ihren eigen Charakter, ihre eigenen Ziele, ihren eigenen Stil? Pfarrer Michael-Max Stichling hat für den Gemeindebrief im März 2011 hierzu Denkanstöße, Gedankensplitter und Ideen zusammengetragen. Finden Sie sich darin wieder? Was macht Ihrer Meinung nach unsere Gemeinde aus? Was sollte Sie ausmachen. Lassen Sie es uns wissen. Denn wohin der Weg gehen soll, liegt nicht allein an der Führung des Pfarrers, sondern vielmehr am Wille der Gemeinde.

Wir sind offene Christen und suchen die heilsame Nähe zu Gott und den Kontakt zu unseren Mitmenschen.

Wir bieten allen – Mann und Frau, Jung und Alt – Raum für Stille und Besinnung, Feier und Aktion, Begegnung und Dialog.

Wir sind eine familienfreundliche Gemeinde und pflegen die Gemeinschaft aller Generationen.

Kindern und Jugendlichen, zusammen mit ihren Eltern, widmen wir unsere besondere Aufmerksamkeit. Die Mutter-Kind-Gruppen und die Kinder- und Jugendgruppen sind wichtiger Teil unserer lebendigen Gemeinde. Unsere Jugend und Arbeit mit Kindern und Familien ist Anziehungspunkt für Nie­der­urseler Jugendliche, Jugendliche aus der Nordweststadt und darüber hinaus.

Wir sind stolz auf unsere Kindertagesstätte. Vielfältiges Kooperieren von Elternschaft, Kindergarten und Gemeinde kommt den Kindern zugute, die uns anvertraut sind, und schafft Begegnungen zwischen den Generationen.

Junge und ältere Erwachsene finden in unserer Gemeinde bei vielen Gelegenheiten zusammen, zum Beispiel im Kinderchor und im Posaunenchor, beim Elterntreff, am Seniorennachmittag, in Gesprächs- und Besuchskreisen, auf dem Gemeindefest. Und oft packen sie einfach an mit ihrem Können.
Wir sind eine gesellige und musikalische Gemeinde, die gerne und gut feiert: Wir sind dankbar für das Geschenk des Lebens.

»Leben teilen«

könnte das Leitmotto unserer Kirchengemeinde lauten. Wer teilt mit wem?

Zunächst ist es der auferstandene Christus, der sein österliches Leben mit uns teilen will: »Ich lebe, und ihr sollt auch leben« verheißt er seiner Gemeinde (Johannes 14, 20). Die Christusdarstellung im Betonrelief unserer Kirche bezeugt diesen Glauben an die Begleitung unseres Lebens durch Christus.

Als christliche Gemeinde bekennen wir uns zu Gott, der in Jesus Christus unser menschliches Leben mit uns teilen will, uns als Glaubensgemeinschaft und jeden einzelnen Glau­benden persönlich in seiner Lebendigkeit stärken, schützen und segnen will. Wir glauben uns in der Hut des guten Menschenhirten und fühlen uns von daher befreit auf unsere Mitmenschen und Mitbürger zuzugehen und sie einzuladen mit uns das von Gott geschenkte und bewahrte Leben zu feiern. »Wir sind eingeladen zum Leben, unser Gastgeber ist Gott« singen wir in unseren Kinder- und Familiengot­tes­diensten. Unsere Gottesdienste, unsere Feste und Feiern drücken unsere Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens aus.

»Die Speisung der Fünftausend durch Christus« (Gemälde von Franz August Schubert) Ist die Bereitschaft zu teilen, ein Ziel unserer Gemeinschaft?Als Kirchengemeinde in Niederursel und der Nordweststadt nehmen wir Maß an der Christusnachfolge. Maßgeblich für unser Selbstverständnis kann die Speisung der Fünftausend werden (Johannes 6, 1–13).  Immer wieder können wir diese Jesusgeschichte meditieren und dabei wichtige Entdeckungen für unser Selbstverständnis als Niederurseler Gemeinde machen. Von 5000 hungrigen Leuten ist da die Rede, und die Erwachsenen um Jesus wissen sich keinen Rat, dem Mangel abzuhelfen. Zweihundert Silbergroschen sind in der Kasse. Jedoch es »ist nicht genug für sie, dass jeder ein wenig bekomme«, schätzt ein Jünger ein. Wir haben nicht genug Geld um hilfreich zu sein. Die Jünger und Nachfolger machen aufmerksam auf einen kleinen Jungen, der fünf Gerstenbrote und zwei Fische besitzt. Das weitet den Horizont. Auch über die Kirchturmspitze der Gustav-Adolf-Kirche hinaus. Das fordert Einsatz und Engagement für Frieden und Gerechtigkeit in unserer Welt.   

Der Blick auf das Kind erweist sich aber als Antwort auf die Krise: Wenn wir werden könnten wie die Kinder, hat sinngemäß Jesus im Markus-Evangelium gesagt, dann würden wir spüren, welche Macht Gott entfaltet, welch ein Wunder er in unserem Leben wirken könnte (Markus, 10,15). Und so verhält es sich: Dieser Junge gibt Jesus, was er besitzt, und Jesus tut nichts weiter, als das Geschenk dieses Kindes auszuteilen. Mitten in ihren Sorgen sollen die Jünger Jesu nichts weiter machen, als dass sie die Menschen Platz nehmen lassen, als dass sich alle in Ruhe hinsetzen; das ist möglich, – der Ort ist grasbewachsen genug, heißt es beziehungsträchtig: Eigentlich trägt diese Erde genügend für jeden. Man begreift: das Wunder, das da geschieht, besteht in dem Austeilen selbst, besteht in dem Mut, ein Kind zu werden, das gibt, was der andere braucht. Was dort passiert ist, war wohl ein Blitzlicht des Reiches Gottes: Alle wurden satt, alle hatten genug. Zwölf Körbe blieben übrig. Und alles begann mit einem Kind, das zeigte, was es hatte, alles auf den Tische legte und nichts zurückhielt. Und Jesus sah nicht den Mangel der 5 Brote und 2 Fische, sondern nahm sie an und dankte. So wurde aus der Masse der 5000 eine Gemeinschaft. Gemeinschaft entsteht, wo jeder seine Gaben und Begabungen aus der Tasche zieht und einbringt in das Ganze. Sie entsteht, wenn alles auf den Tisch kommt. Und sie entsteht – und das ist genauso bedeutsam – wenn wir uns trauen zu nehmen. Man muss sich ja erst einmal von den angebotenen, scheinbar geringfügigen zwei Fischen und fünf Broten nehmen trauen, um schließlich weitergeben zu können und erfahren zu dürfen: Das, was wir dem anderen geben, das bereichert am Ende uns selbst; es wird uns nicht weggenommen, sondern kehrt zu uns zurück, es ist einzusammeln, körbeweise.

Für unser Selbstverständnis als Gemeinde entnehmen wir der biblischen Geschichte zum einen die Aufforderung zur geselligen Gastlichkeit: »Lasst die Leute sich lagern« – fordert Jesus seine Jünger auf.

Zum anderen ist damit auch der Blick zu den Bedürftigen und Schwachen unserer Gemeinde gemeint. Da ist das Engagement für gerechte Verteilung der Güter und Mittel hier und überall in der Welt gemeint. Da ist konkretes Engagement für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung gemeint. Da ist aktives und konsequentes Eintreten für Menschen in Krisen und Schicksalen gemeint.

Uns ist hier das Verhalten der Jünger/Innen mit ihrem Blick für die bereichernden Gaben der Kinder Vorbild.

Daraus ergibt sich für uns das leitende Bild einer kinderorientierten und familienfreundlichen Gemeinde, die die Gemeinschaft aller Generationen pflegt. Unsere Kirchengemeinde sehen wir als Lernort für ge­ne­ra­tio­nen­über­greifendes, vorurteilsfreies, integrierendes und wertschätzendes Zusammenleben. Eine kinderfreundliche Gemeinde braucht dabei die Großelterngeneration – ob mit oder ohne eigene Kinder. Wir sind dankbar für die seit Jahren bestehende Seniorenarbeit in unserer Gemeinde. Unser Besuchsdienstkreis teilt das Leben mit den Bewohnern der Seniorenheime und dem Stadtteil in bewundernswerter Treue und Liebe.

Allen zugewandt gehören Kindern und Jugendlichen unsere besondere Aufmerksamkeit. Leben teilen heißt für uns, mit Kindern das Leben teilen; dies auch im Kontrast zu einer weitgehend zukunftsvergessenen und kinderentwöhnten Gesellschaft. Wer Kinder und Jugendliche mit ihrer spontanen Lebendigkeit und manchmal überschießenden Vitalität partout nicht mag, wer Vielfalt und Bewegung nicht mag, wird Orte finden, wo er sich besser aufgehoben weiß.

Mit dem leitendem Bild einer familienfreundlichen, einladenden und in Bewegung befindlichen Gemeinde, die die Gemeinschaft aller Generationen im Stadteil fördert und pflegt, die Heimat sein will für Viele, die sich auch weit über den eigenen Kirchturm hinaus engagiert, glauben wir als Gemeinde Christi in unserem Stadtteil und mit den nahen Nachbargemeinden heute das Richtige zu tun. Aber kommen und sehen Sie selbst und tun Sie mit!

Michael-Max Stichling (Pfarrer)